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	<title>Überarbeitung | Kaja Evert</title>
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		<title>Wie dein Text knackig wird &#8211; Tipps zum Kürzen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kaja]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 14 Feb 2021 06:47:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kürzen]]></category>
		<category><![CDATA[Nebelritter]]></category>
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					<description><![CDATA[Erschrocken starrte ich auf die Gesamtwortzahl meines Manuskripts. 155.000 Wörter. Ernsthaft? So lang? Ich wusste ja, dass mein Dark-Fantasy-Roman »Nebelritter« ein dicker Schinken werden würde. Aber das hier bedeutete definitiv: Ich würde wohl kürzen müssen. Warum überhaupt kürzen? Es ist aber doch deine Geschichte, mögt ihr sagen. Kann sie nicht so lang sein, wie du [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>Erschrocken starrte ich auf die Gesamtwortzahl meines Manuskripts. 155.000 Wörter. Ernsthaft? So lang? Ich wusste ja, dass mein Dark-Fantasy-Roman »Nebelritter« ein dicker Schinken werden würde. Aber das hier bedeutete definitiv: Ich würde wohl kürzen müssen.</em></p>



<h2 class="wp-block-heading">Warum überhaupt kürzen?</h2>



<p>Es ist aber doch deine Geschichte, mögt ihr sagen. Kann sie nicht so lang sein, wie du möchtest? Ja, natürlich. Und: nein, eher nicht.<br>Würde ich meine Geschichten nicht schreiben, damit sie von anderen Menschen gelesen werden, wäre die Länge wirklich egal. Aber wenn man veröffentlichen möchte, sprechen bei sehr langen Geschichten in meinen Augen mehrere Dinge fürs Kürzen:</p>



<ul class="wp-block-list"><li>Der finanzielle Aspekt. Dicke Bücher haben mehr Seiten und kosten daher mehr, sowohl beim Druck als auch beim Verkauf. Leser*innen trennen sich aber verständlicherweise ungern von ihrem Geld, vor allem, wenn sie für den Preis vielleicht zwei andere Bücher bekommen. Ebooks können zwar beliebig wenig kosten, aber auch hier wird für umfangreichere Ebooks (zurecht) meist auch mehr Geld verlangt. </li><li>Die Zeit der Leser*innen: Viele Menschen lesen lieber kurze Bücher, weil sie wenig Zeit haben oder in der Zeit, die sie haben, einfach mehr Bücher lesen können. Woher sollen die Leser*innen wissen, dass mein Buch es wert ist, viel Zeit zu investieren? Sie möchten vielleicht erst einmal kürzeren Texten eine Chance geben.</li><li>Natürlich haben auch lange Geschichten ihre Berechtigung. Ich persönlich liebe sie besonders. Aber es gibt so viele Bücher. Warum sollten sich Menschen ausgerechnet dafür entscheiden, meins zu lesen? Die Antwort muss wohl sein: Weil es sich lohnt. Aber es lohnt sich nicht, wenn die Geschichte langatmig und voll von überflüssigem Geschwurbel ist.</li></ul>



<div class="wp-block-image is-style-default"><figure class="aligncenter size-large"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="1024" height="607" src="https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2021/02/crumpled-paper-1852978_1280-1024x607.jpg" alt="Zerknülltes Papier und Stift (Symbolbild)" class="wp-image-2705" srcset="https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2021/02/crumpled-paper-1852978_1280-1024x607.jpg 1024w, https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2021/02/crumpled-paper-1852978_1280-300x178.jpg 300w, https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2021/02/crumpled-paper-1852978_1280-768x455.jpg 768w, https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2021/02/crumpled-paper-1852978_1280-650x385.jpg 650w, https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2021/02/crumpled-paper-1852978_1280.jpg 1280w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption>Überflüssig? Weg mit dem Zeug!</figcaption></figure></div>



<h2 class="wp-block-heading">Vor dem Kürzen</h2>



<p>Ich bin der Ansicht, eine gute Geschichte lässt sich immer auch in akzeptablem Umfang erzählen (bei mehrbändigen Geschichten gilt das pro Band). Wieso also habe ich etwas so Langes geschrieben? Andere Autor*innen schreiben ihre Rohfassung so knapp, dass sie später noch Inhalte ergänzen müssen und ihrer Geschichte quasi Fleisch auf die Knochen bringen. Was mache ich also anders?<br>Erstmal liebe ich lange, epische Geschichten und will sie daher auch selbst schreiben. Das ist okay. Ein anderer Punkt ist, dass ich eine sogenannte »Plantserin« bin: Ich plane meinen Plot, aber nicht bis ins letzte Detail, und ein Teil der Geschichte entwickelt sich immer beim Schreiben. Daher gibt es meistens einige überflüssige Aspekte und tote Enden im Text. Auch habe ich meist alles aufgeschrieben, was ich gerade interessant fand, ohne zu prüfen, ob es wirklich zentral für die Geschichte ist ist. Vor dem Kürzen halte ich mir daher den grundlegenden Plot noch einmal vor Augen. Er ist sozusagen mein Leuchtturm bei der Überarbeitung.<br>Außerdem schreibe ich viele Anmerkungen in den Text, die beim Überarbeiten herausfallen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Inhaltlich kürzen</h2>



<p>Wie gesagt ist der grundlegende Plot für mich die wichtigste Stütze beim Kürzen. Ich nehme mir jede Szene vor und prüfe sie vor allem auf zwei Elemente: 1. Die Funktion der Szene für den Gesamtplot, 2. den zentralen Konflikt der Szene (ja, ich gehöre zu den Autor*innen, die Szenen auf der Grundlage von Konflikten schreiben).<br>Beim Kürzen nehme ich dann alles heraus, was nicht zum Plot oder zum Konflikt der Szene beiträgt:</p>



<ul class="wp-block-list"><li><strong>Nebenhandlungen</strong> und <strong>Nebenaspekte</strong>, die sich im Nachhinein als verzichtbar herausstellen (Kann ich die Krankheit meines Protas streichen, ohne dass der Plot leidet? Ja! Ist die verflossene Liebschaft des Anführers der Ritter des Lichts wirklich so wichtig für seine Charakterisierung? Nö, sein Charakter wird durch andere Elemente klar genug. Soll ich beibehalten, dass zu Anfang die Fiedel meines Protas in den Fluss fällt? Ja, weil die Fiedel später noch als Symbol wichtig wird. usw.)</li><li><strong>Inhaltswiederholungen</strong>. Die sind leider oft schwer zu finden. Ich versuche möglichst bei jedem Satz zu prüfen: Bringt der etwas Neues oder war genau das schon mal dran? Natürlich sind manchmal inhaltliche Wiederholungen auch wichtig, damit die Leser*innen nicht vergessen, was noch mal Sache war.</li><li><strong>Beschreibungen</strong>, wenn sie länger als wenige Sätze sind. Natürlich sind sie bedeutsam für die Atmosphäre einer Geschichte. Beim Kürzen versuche ich, 2 &#8211; 3 besonders wichtige Elemente aus der Gesamtbeschreibung herauszuziehen und aus ihnen eine neue Beschreibung zu machen – meist wesentlich kürzer als die alte und trotzdem so, dass nichts Bedeutendes verloren geht.</li></ul>



<p>Neben diesem Ansatz verfolge ich noch einen zweiten: Kein Satz, möglichst kein Wort im Text soll überflüssig sein. Natürlich bin ich weit davon entfernt, das jemals zu erreichen! Aber was ist dann eigentlich nicht überflüssig? Kann man nicht einfach gleich auf den ganzen Roman verzichten? 😉<br>Überflüssig ist für mich Text dann nicht, wenn er a) für den Plot und/oder b) für die Charakterisierung von Figuren und/oder c) für die Atmosphäre der Geschichte wichtig ist. Dabei halte ich den Plot für wichtiger als die Charakterisierung und die für wichtiger als die Atmosphäre. Ich sehe mir also an, ob das Textstück, das ich streichen möchte, für einen der drei Aspekte relevant ist. Wenn ja, darf es bleiben.<br>Inhaltliche Kürzungen fallen bei mir oft umfangreich aus. Ganze Szenen und Kapitel sind schon rausgeflogen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Kill your darlings?</h2>



<div class="wp-block-image is-style-default"><figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="682" src="https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2021/02/angel-1026438_1280-1024x682.jpg" alt="gebrochener Engelsflügel und Grabstein (Symbolbild)" class="wp-image-2701" srcset="https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2021/02/angel-1026438_1280-1024x682.jpg 1024w, https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2021/02/angel-1026438_1280-300x200.jpg 300w, https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2021/02/angel-1026438_1280-768x512.jpg 768w, https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2021/02/angel-1026438_1280-650x433.jpg 650w, https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2021/02/angel-1026438_1280.jpg 1280w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption>Sollen deine Lieblinge wirklich sterben?!</figcaption></figure></div>



<p>Wer schon einmal auf diesen verbreiteten Schreibtipp gestoßen ist, hat sich vielleicht gefragt: Was soll das denn? Warum soll ich ausgerechnet das in meinem Text streichen, was mir am besten gefällt? Das ist natürlich nicht gemeint, sondern: Es gibt häufig Szenen, Ideen, Figuren, Formulierungen, die einem selbst vielleicht gefallen, aber für den Plot oder andere Aspekte des Romans irrelevant sind. Manchmal stammen sie noch aus dem Anfang des Schreibprozesses, aber der Roman hat sich inzwischen in eine andere Richtung entwickelt. Sie zu streichen, kann den Text straffen und ist daher empfehlenswert. Und nichts ist jemals umsonst geschrieben: Ich bewahre solche gestrichenen »Perlen« in einer Extra-Datei auf, die ich »Ausschuss« nenne. Vielleicht kann ich sie später in einem anderen Kontext oder in einer anderen Geschichte noch einmal verwenden.<br>Epische Erzählweise hat ihre Berechtigung, und meine Romane z. B. bleiben episch, selbst wenn meine Lieblinge manchmal sterben müssen. 😉 Was gestrichen werden kann, ohne dass jemand es vermisst, ist wohl wirklich überflüssig.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Stilistisch kürzen</h2>



<p>Hier empfehle ich das folgende Buch: Stein, Sol: Über das Schreiben, Berlin (2)2015. Es enthält ein wunderbares Kapitel über stilistisches Kürzen, das hilft, jedes überflüssige Wort aufzuspüren.<br>Als da z. B. wären:</p>



<ul class="wp-block-list"><li>Nichtssagende, ausgelutschte Adjektive, Adverbien und sonstige Formulierungen. Adjektive sind nicht generell überflüssig, wie ein Schreib-Trend vor einigen Jahren verkündete, aber manche haben so gut wie keine inhaltlichen Mehrwert.<ul><li><em>Sie betrat die große Säulenhalle. </em>(Säulenhallen sind selten klein, und gibt es vielleicht ein Adjektiv, das den Ort besser beschreibt?)</li><li><em>Mit seinem Finger blätterte er eine Seite des Buches um. </em>(Wie denn sonst, mit der Nase? Außerdem befinden sich Seiten meistens in Büchern; wenn man weiß, dass er ein Buch hat, kann man auch das weglassen.)</li><li><em>Das Ungeheuer bleckte die rasiermesserscharfen Zähne.</em> (Schon mal eine Rasur mit diesen Zähnen versucht? Außerdem ist diese Formulierung sehr ausgelutscht. Weg damit.)</li><li>usw.</li></ul></li><li>Füllwörter. Das Schreibprogramm Papyrus Autor hat eine Stilkorrektur-Funktion, die Füllwörter aufspürt. Sehr praktisch! Sie zeigt aber auch, dass längst nicht jedes Füllwort überflüssig ist.Trotzdem bin ich immer wieder erstaunt, wieviel »Wortmüll« auch nach dem Aufräumen oft noch in meinem Text ist.</li></ul>



<h2 class="wp-block-heading">Kürzere Texte = weniger komplexe Texte?</h2>



<div class="wp-block-image is-style-default"><figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="768" src="https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2021/02/ACS_0370-1024x768.jpg" alt="&quot;Blutende&quot; Geschichte (Symbolbild)" class="wp-image-2682" srcset="https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2021/02/ACS_0370-1024x768.jpg 1024w, https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2021/02/ACS_0370-300x225.jpg 300w, https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2021/02/ACS_0370-768x576.jpg 768w, https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2021/02/ACS_0370-1536x1152.jpg 1536w, https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2021/02/ACS_0370-2048x1536.jpg 2048w, https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2021/02/ACS_0370-650x488.jpg 650w, https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2021/02/ACS_0370-261x196.jpg 261w, https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2021/02/ACS_0370-540x406.jpg 540w, https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2021/02/ACS_0370-1320x990.jpg 1320w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption>»Blutet« eine Geschichte beim Kürzen?</figcaption></figure></div>



<p>Vielleicht fragt ihr: Aber wenn du deinen Text kürzt, gehen dann nicht die ganzen schönen Details verloren? Wird der Text nicht platt und eindimensional? Ist der Text nicht vielfältiger, wenn er länger ist, und dadurch auch anspruchsvoller und besser? »Blutet« er nicht?<br>Nein.<br>Bücher bilden nicht die Realität ab (und die ist wahrhaftig unüberschaubar komplex), sie reduzieren. Das ist auch gut und richtig so. Komplexität und Anspruch liegen im Inhalt, nicht in der Länge eines Romans. Zu kürzen bedeutet nicht, die Komplexität und den Anspruch zu reduzieren, sondern im Gegenteil, die Aspekte, die den Roman komplex und anspruchsvoll machen, deutlicher herauszuarbeiten, damit sie nicht im Gelaber ringsum untergehen. Wenn der Plot komplex ist, bleibt der Roman es auch nach dem Kürzen. Außerdem sind komplexere und anspruchsvollere Texte oft auch beim Lesen schwerer zugänglich. Deshalb halte ich es für besonders wichtig, dass sie die Leser*innen nicht verwirren, indem sie jede Menge überflüssige Elemente enthalten. Ich möchte, dass meine Romane angenehm zu lesen sind, selbst wenn es darin vielleicht inhaltlich manchmal ans Eingemachte geht. Ist der Text gekürzt, ist er straffer, knackiger, aber auch: besser strukturiert, übersichtlicher, mit dynamischeren Szenen und Konflikten, die stärker auf den Punkt gebracht sind. Es ist ein Text, der beim Lesen mehr Spaß macht.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Textbeispiel</h2>



<p>[su_expand more_text=&#8220;- Mehr anzeigen -&#8220; less_text=&#8220;- Weniger anzeigen -&#8220; height=&#8220;0&#8243; hide_less=&#8220;no&#8220; text_color=&#8220;#default&#8220; link_color=&#8220;#default&#8220; link_style=&#8220;default&#8220; link_align=&#8220;left&#8220; more_icon=&#8220;&#8220; less_icon=&#8220;&#8220; class=&#8220;&#8220;]</p>



<p>Der folgende Text stammt aus meinem Dark-Fantasy-Roman »Nebelritter«. Die Passage ist sicher generell nicht meine beste, denn sie dient vor allem der Überleitung zwischen zwei Szenen und der Übermittlung von Informationen (das muss auch mal sein). Man sieht hier aber ganz gut, wo und wie ich gekürzt habe:</p>



<p>Alter Text:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Selbst der Sommerhimmel über der Heiligen Stadt war trüb. Ein ferner, klebriger Nebel hing über dem Großen Dom, trotzdem brütete die Luft Schwüle. Tibault schwitzte unter seiner Rüstung, während er Vater Benoît durch die mit Girlanden und Fähnchen geschmückten Straßen folgte. (Anmerkung: Hier ist Gelegenheit, die neue Rüstung der Schattenlöwen ggf. genauer zu beschreiben.)<br>Es war lange her, dass Benoît ihn aus der Grube aufgelesen hatte. Seitdem hatte er sich jeden Tag unter den wachsamen Augen des Priesters im Kampf geübt; zuerst mit Holzstöcken, dann mit scharfen Klingen. Unzählige Male war er vor Erschöpfung zusammengebrochen oder hatte sich übergeben, bis sein Körper schließlich selbst zur Klinge wurde. Unnachgiebig, erbarmungslos.<br>Inzwischen verstand er sich darauf, zwei der leicht gebogenen Schwerter zugleich zu führen, mit denen die Schattenlöwen ausgestattet waren. Er war ein vollwertiges Mitglied des Ordens, kein wehrloses Kind mehr. Dennoch erfüllte ihn der Anblick des Doms mit hilfloser Ehrfurcht wie beim ersten Mal, als er die Brücke überquert hatte. Er war froh, dass sich wie damals Vater Benoît an seiner Seite befand.<br>Heute war der Tag der Wunder, eins der höchsten Feste der Kirche in der Heiligen Stadt. Der Dombezirk wurde für alle geöffnet. An diesem Tag trat der Erzbischof persönlich vor das Volk und wirkte seinen Segen. Tibault hatte gehört, er könne Wunden und Krankheiten heilen, ja sogar Tote wieder zum Leben erwecken. Gesehen hatte er es noch nicht. Als Fetzenseele blieb ihm der Zugang zum Großen Dom gewöhnlich verwehrt, zumindest solange dort Gottesdienste und andere Feierlichkeiten stattfanden. Nur nachts durfte er dort hin und wieder die Beichte ablegen. Doch nicht der Gedanke an ein bevorstehendes Wunder ließ Tibaults Herz schmerzhaft heftig klopfen. Heute war der Tag, an dem er sich beweisen durfte – beweisen musste. Der einzige Tag, der ihm blieb, um Vater Benoît – um der Welt zu zeigen, dass er, die Fetzenseele, das Recht hatte, unter all den anderen vollständigen Seelen überhaupt zu existieren.</p><cite><em>Nebelritter, Rohfassung</em></cite></blockquote>



<p>Was für ein Geschwafel!<br>Die Leser*<em>i</em>nnen sollen in dieser Szene vor allem folgende Informationen erhalten: a) Seitdem sie meinem Protagonisten Tibault zum letzten Mal begegnet sind, ist einige Zeit vergangen: Inzwischen ist er ein Ritter geworden. b) Heute ist ein Feiertag, an dem der Erzbischof Kranke heilt. c) Außerdem ist der Tag für Tibault wichtig, weil er sich beweisen muss. </p>



<p>Beim Kürzen habe ich alle irrelevanten Aspekte einfach herausgenommen, vor allem aber die Rückblende, die ohnehin nur Behauptungen aufstellt, anstatt wirklich etwas zu »zeigen«. Dass Tibault Rüstung und Schwerter trägt, sagt genug über seinen Status aus. Die Leser*innen werden ihn später noch beim Kämpfen erleben. Unwichtig ist auch, wer den Dom betreten darf oder wann Tibault schon dort war.</p>



<p>Neuer Text:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Der Sommerhimmel der Heiligen Stadt war trüb. Ein ferner, klebriger Nebel hing über dem Großen Dom, die Luft brütete Schwüle. Tibault schwitzte unter seiner Rüstung und dem dunkelgrauen Umhang mit Kapuze, während er Vater Benoît durch die mit Girlanden und Fähnchen geschmückten Straßen folgte. Die Menschen, an denen er sich vorbeidrängte, blickten mit Misstrauen und Angst auf die beiden Schwerter, die er am Gürtel trug.<br>Heute war der Tag der Wunder, das höchste Fest in der Heiligen Stadt. An diesem Tag trat der Erzbischof persönlich vor das Volk. Tibault hatte gehört, er könne Verletzungen und Krankheiten heilen, ja sogar Tote wieder zum Leben erwecken. Doch nicht der Gedanke an ein bevorstehendes Wunder ließ sein Herz schneller klopfen. Heute musste er sich als Krieger der Schattenlöwen vor dem Erzbischof beweisen. Er musste Vater Benoît und der Welt zeigen, dass er, die Fetzenseele, das Recht hatte, unter all den vollständigen Seelen überhaupt zu existieren.</p><cite><em>Nebelritter, überarbeitete Rohfassung</em></cite></blockquote>



<p>[/su_expand]</p>



<p>Wie stehst du zu dem Thema? Wann ist ein Roman für dich zu lang? Wann zu kurz? Und hast du einen tollen Tipp fürs Kürzen?</p>



<p>Deine Kaja</p>



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		<title>Gewitter im Text: Schritte einer Überarbeitung</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kaja]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 18 May 2019 10:19:20 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Schreibtipps]]></category>
		<category><![CDATA[Überarbeitung]]></category>
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<p>Wenn ich schreibe, habe ich die Vision einer großartigen Geschichte im Kopf. Nach Abschluss des Romans bleibt oft genug bei mir der Eindruck zurück, dass ich dieser Vision nicht gerecht geworden bin. Bei den Schritten, dee nötig sind, aus dem „Kraut und Rüben“ der ersten Version den Roman zu machen, den ich erzählen will, brauche ich Hilfe. Oft ist noch viel zu tun. Daher sind meine Überarbeitungen oft wie ein Gewitter, das über dem Text niedergeht. Hoffentlich eines, auf das blauer Himmel folgt. Welche Schritte ich dabei gehe, möchte ich hier mit euch teilen.</p>



<p>Zu eurer Unterhaltung enthält der Beitrag einige meiner Lieblings-Stilblüten, die Überarbeitungen zum Opfer fielen. Viel Spaß!</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>»Sein Kiefer ist verletzt. Kein Wunder, dass er nicht laufen kann.«</p><cite><em>Schattenfluss</em></cite></blockquote>



<h2 class="wp-block-heading">1. Alphalesen</h2>



<p>Am besten ist es für mich, zwischen dem Abschluss der Rohfassung und der Überarbeitung einige Wochen verstreichen zu lassen – aber nicht so viel, dass ich mich schon kaum noch erinnere, was ich eigentlich schreiben wollte. Dann geht’s los.</p>



<p>Manche Autor<em>*</em>innen lassen sich bereits beim Schreiben von einer anderen Person begleiten, die Rückmeldung zu den einzelnen Kapiteln gibt. Ich ziehe es vor, diesen Schritt nach Fertigstellung des gesamten Manuskriptes zu gehen. Die Aufgabe der Alphaleser*innen ist es, eine grobe Rückmeldung zum Roman zu geben. Diese Rückmeldung zeigt, was gut bereits funktioniert und worauf beim Überarbeiten besonders geachtet werden muss. Ich empfehle, vorher gar keine Energie ins Überarbeiten zu stecken. Wieso? Ich sage es ungern, aber es ist möglich, dass der Roman, wie er ist, überhaupt nicht funktioniert. Man kann im „Schreibrausch“ Wesentliches übersehen, Probleme nicht überblickt haben, oder den Roman auf Elementen aufgebaut haben, die sich für einen selbst zwar großartig angefühlt haben – aber auch nur für einen selbst. In diesem Fall stellt sich die Frage, ob eine Überarbeitung überhaupt sinnvoll ist. Gewöhnlich würde ich in solchen Fälle nämlich das Konzept überarbeiten und neu schreiben. Oder, im allerschlimmsten Fall, das Projekt aufgeben. Und dann hätte ich nicht sinnlos Freizeit in ein ohnehin sinnloses Unterfangen gesteckt.<br> Will ich überarbeiten, was der Normalfall ist, geben mir die Rückmeldung der Alphaleser*innen meist einen Eindruck davon, wo es hakt, worauf ich achten sollte und wie lange die Überarbeitung in etwa dauern könnte (je nachdem, wie schwerwiegend und umfangreich die Kritikpunkte sind).</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Dennoch war sie eindeutig tot: keine Atmung, ein Puls. </p><cite>Keine Ahnung, ehrlich!</cite></blockquote>



<h2 class="wp-block-heading">2. Welche Geschichte will ich erzählen, und welche wollen andere lesen?</h2>



<p>Gelobt seien alle, die das schon wissen, bevor sie das erste Wort schreiben, die sich die gesamte Zeit über darauf konzentrieren und daher bei der Überarbeitung nur noch Feinschliff leisten müssen! Aber auch bei professionellen Autor*innen wird das nicht immer der Fall sein. Der ursprüngliche Plan kann vielleicht aus irgendwelchen Gründen nicht beibehalten werden, oder während des Schreibprozesses richtet sich die Aufmerksamkeit auf andere Punkte. Daher stelle ich mir diese Frage noch einmal, bevor ich mit der Überarbeitung beginne. Dazu notiere ich mir das grundlegende (gegebenenfalls neu überdachte) Konzept des Romans kurz – in einem Satz, wenn möglich –, und lege mir die Notiz an meinen Arbeitplatz oder hänge sie auf. Beim Überarbeiten wird sie mein Kompass sein. Immer, wenn ich zögere, kann ich mich fragen: Dient dieser Text/Dialog/Beschreibung/Abschnitt/… der Geschichte, die ich erzählen will? Bei mir kommt noch ein anderer Punkt hinzu. Meine eigenen Vorlieben für krasse Wendungen, düstere Stoffe u. ä. sind mit denen der Leser*innen nicht immer deckungsgleich. Leider! Denn Schreiben macht mir zwar viel Spaß, aber letzten Endes tue ich es, damit andere die Texte lesen und Freude daran haben. Mithilfe der Rückmeldungen, die ich bis hierher erhalten habe, überlege ich, welche Kompromisse ich eingehen kann und will. Ist ein versöhnliches Ende wirklich ausgeschlossen? Müssen einige Handlungen so drastisch ablaufen, oder will ich lieber die Nerven der Leser*innen schonen? Meiner Erfahrung nach werden die Elemente, die ich hier neu konzipiert habe, letzendlich besonders gern gemocht.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Der alte Priester umklammerte seine schupferne Köpfkelle wie eine Keule. </p><cite>Galotta III, <em>Der Aschengeist</em></cite></blockquote>



<h2 class="wp-block-heading">3. Grobschliff</h2>



<p>Mit der Rückmeldung der Alphaleser*innen und meinem pointierten Konzept mache ich mich an den Grobschliff. Je nachdem, wie viel zu tun ist, dauert diese Phase ziemlich lange. Ich streiche, schreibe neu, ergänze, mache auch bereits eine stilistische Überarbeitung, wenn ich kann. Auch achte ich auch darauf, ob sich die Figuren konsistent verhalten (falls nicht, haben die Alphaleser*innen in der Regel bereits darauf hingewiesen) und ob es Widersprüche innerhalb der erzählten Welt gibt. Das ganze Programm eben. Dabei kann ich alles, was ich ändere, auf Grundlage meiner Notiz prüfen, ob es seinen Zweck im Roman erfüllt. Ach ja: Was mir nicht zwingend notwendig erscheint, was ich aber besonders mag, bleibt erstmal im Text. Ist ja schließlich mein Roman, und streichen kann ich es später immer noch. 😉 <br> Ich benutze beim Schreiben übrigens einen Farbcode, der mir zeigen soll, wo ich selbst Überarbeitungsbedarf sehe. Rohfassungen sind daher bei mir oft quietschbunt. Mein Ziel ist, nach dem Grobschliff wenigstens alle gelben Markierungen (inhaltliche Fragen) getilgt zu haben; möglichst viele der anderen Farben auch.</p>



<div class="wp-block-image"><figure class="aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" width="544" height="416" src="https://kaja-evert.de/wp-content/uploads/2019/05/ofen-in-der-roehre-Kopie.png" alt="" class="wp-image-2434" srcset="https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2019/05/ofen-in-der-roehre-Kopie.png 544w, https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2019/05/ofen-in-der-roehre-Kopie-300x229.png 300w" sizes="(max-width: 544px) 100vw, 544px" /><figcaption><em>Highland Quest</em></figcaption></figure></div>



<h2 class="wp-block-heading">4. Betalesen</h2>



<p>Die Betaleser*innen nehmen quasi das Lektorat vorweg. Ihre Anmerkungen sind wesentlich detaillierter als die der Alphaleser*innen. Sie achten auf Formulierungen, Szenenaufbau, Feinheiten in der Charakterisierung, und, wenn möglich, auch auf Rechtschreibung und Zeichensetzung. Das ist eine Aufgabe für die gründlichen Naturen, die gern Kommentare am Computer in ein Dokument tippen. Hier sind mir Personen am liebsten, die noch nicht „alphagelesen“ haben, die nichts von den Problemen wissen, mit denen ich mich bislang herumgeplagt habe. Ich gehe optimistisch davon aus, dass zu diesem Zeitpunkt vielleicht noch viel am Roman zu verbessern ist, aber alle grundlegenden Schwierigkeiten behoben sind. Sollte das nicht der Fall sein: Was für ein Glück, wenn es beim Betalesen auffällt (das wird es gewöhnlich).<br> Die Arbeit der Testleser*innen kann sehr zeitaufwändig sein. Es ist empfehlenswert, bei Alpha- und Betaleser*innen auf Gegenseitigkeit zu achten. Wer so viel Zeit aufwendet, um deine Geschichten besser zu machen, verdient auch dieselbe Aufmerksamkeit von dir. Wenn die Personen nicht selbst schreiben, ist ein späteres Exemplar des fertigen Buchs absolutes Minimum.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Gern hätte sie seine Familie benachrichtigt. Welche Familie? Seine Mutter war offenbar tot, und sonst hatte er nur ein Frettchen erwähnt, um dessen Schwester er sich kümmerte.</p><cite>San Turaco I, <em>Wiegenlied</em></cite></blockquote>



<h2 class="wp-block-heading">5. Feinschliff</h2>



<p>Mit den Anmerkungen der Betaleser*innen gehe ich den Text noch einmal durch. Wenn weitere inhaltliche Probleme aufgefallen sind, werden die erst einmal behoben, dann geht es an die Feinarbeit. Gewöhnlich komme ich hier schneller voran als beim „Grobschliff“. Einerseits natürlich, weil ich vieles dann schon erledigt habe, andererseits aber auch, weil mir das Formulieren persönlich leicht fällt. Meine Probleme treten eher bei den Inhalten auf.<br> Für die Feinheiten der stilistischen Überarbeitung kann ich noch immer die Tipps von Sol Stein empfehlen („Über das Schreiben“). Das Buch ist zwar schon etwas älter, aber seine Hinweise zum Streichen und zur Wortwahl finde ich heute noch brillant und habe viel darauf gelernt. Hilfreich beim Finden von Wortwiederholungen ist die Stilanalyse des Schreibprogramms Papyrus Autor.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Bei aller Wucht der Attacken  trafen die Klingen nur selten aufeinander. Wenn es geschah, klirrten und  klangen sie wie brechendes Ei.</p><cite><em>Ritter und Henker</em></cite></blockquote>



<h2 class="wp-block-heading">6. Rückmeldung vom Profi und letzter Schliff</h2>



<p>Zu diesem Zeitpunkt ist das Manuskript so gut, wie ich es mit Unterstützung der Alpha- und Betaleser*innen hinbekommen habe. Perfekt ist es wahrscheinlich noch nicht. Vielleicht muss es das auch nicht sein; eventuell reicht „gut genug“ aus. Um ihm den letzten Schliff zu verleihen, ist aber professionelle Rückmeldung nützlich oder häufig sogar vorgesehen – nämlich gewöhnlich dann, wenn eine Verlagsveröffentlichung ansteht. Der Text geht durch ein Lektorat und kommt mit weiteren Verbesserungsvorschlägen vom Profi zurück. Jetzt stehen die letzten größeren Änderungen vor der Veröffentlichung an. Meine persönlichen Erfahrungen mit Lektoraten sind sehr positiv. Die Verlagslektorinnen, mit denen ich gearbeitet habe, haben alles getan, um das Beste aus meinen Texten herauszuholen. Das war eine großartige Erfahrung, bei der ich viel gelernt habe. Je nachdem, wie eng die Zusammenarbeit mit dem Lektorat ist, können hier sicher einige der anderen Phasen ersetzt und hierdurch viel Zeit gespart werden. Wenn ich mich für Selfpublishing entscheide, kann ich ein gekauftes Lektorat in Anspruch nehmen. Hier fehlen mir bislang die Erfahrungen, aber ich wäre sehr neugierig. Ob eine Person, die nicht vom Verlag, sondern von mir bezahlt wird, so kritisch mit meinem Text umgeht, wie ich es mir wünsche, damit das Geschriebene letzten Endes meiner ursprünglichen Version von einem großartigen Roman entspricht? Oder kann ich mithilfe der Testleser*innen den Text bereits auf so hohes Niveau bringen, dass ein Lektorat nicht nötig ist? Noch bin ich unsicher. Die Antwort auf diese Frage wird mir wohl die Zukunft zeigen.</p>



<p>Nicht alle Autor*innen überarbeiten so viel und so umfangreich wie ich, das weiß ich. Vermutlich ist mein Vorgehen auch einem gewissen Perfektionismus geschuldet, hohen Ansprüchen an mich selbst – und der Tatsache, dass ich für meine Geschichten immer nur das Beste will. 😉</p>



<p>Soweit meine Zusammenfassung der Schritte, die ich beim Überarbeiten gehe. Hoffentlich waren sie hilfreich für euch. Wünscht ihr euch noch genauere Informationen über Einzelheiten? Wie überarbeitet ihr eure Texte? Gibt es Ähnlichkeiten oder Unterschiede? Für wie wichtig haltet ihr die einzelnen Phasen? Und an die Leser*innen: Glaubt ihr, man merkt einem Text an, wie stark er überarbeitet wurde?</p>



<p>Das Gewitter lässt nach; ich erkenne schon einen Regenbogen. Liebe Grüße und frohes Überarbeiten! </p>



<p> Eure Kaja</p>



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