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		<title>Buchmarkt, trau dich: Anspruch in Texten</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kaja]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 06 Aug 2022 05:51:51 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Romane]]></category>
		<category><![CDATA[Stil]]></category>
		<category><![CDATA[Anspruch]]></category>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p><em>Diesen Artikel habe ich als Mini-Serie auf Instagram veröffentlicht. Wegen der großen Beliebtheit habe ich beschlossen, alle Teile auch hier zur Verfügung zu stellen. Nun könnt ihr den gesamten Text im Zusammenhang lesen. Viel Spaß!</em></p>



<h2 class="wp-block-heading">Zum Thema</h2>



<p>Wenn meine damalige Agentin eine Leseprobe bekommen hatte und zu mir sagte, sie finde den Text anspruchsvoll, wusste ich: Das war das Todesurteil. Es bedeutete so viel wie: Der Text ist unverkäuflich.<br>Seitdem habe ich dieselbe Erfahrung immer wieder gemacht: Anspruchsvolle Texte sind auf dem Buchmarkt nicht beliebt. Agenturen wollen sie nicht, Verlage kaufen sie nicht, Leser*innen machen einen Bogen darum. Und mehr: Diejenigen, die anspruchsvoll schreiben, werden schnell als arrogante, elitäre Snobs angesehen, die Zeug schreiben, das ohnehin niemand lesen will, sich trotzdem für etwas Besseres halten und dabei doch eigentlich nur andere Menschen mit ihren Texten ausschließen.</p>



<p>Warum aber sind anspruchsvolle Texte so unbeliebt? Ich vermute, dass dabei zwei Dinge eine wichtige Rolle spielen:</p>



<ol class="wp-block-list"><li>Anspruchsvolle Texte wollen etwas von dir. Das kann anstrengend sein. Das Leben ist aber schon anstrengend genug. Warum solltest du dir also noch zusätzliche Arbeit machen, wenn du doch nur seinem Hobby nachgehen und dich entspannen willst?</li><li>Der Schulunterricht kann dir den Spaß an Texten verderben. Viele Texte, die zum sogenannten Schul-Kanon gehören, erfüllen die heutigen Ansprüche an gute Bücher nicht (mehr), weil sie stark veraltet sind. Trotzdem werden Kinder und Jugendliche, die gern etwas anderes machen möchten, dazu gezwungen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Und zu allem Überfluss bekommen sie auch noch Noten dafür. Natürlich muss Deutschunterricht nicht so laufen, aber es kann passieren.</li></ol>



<p>Das sind gute Argumente. Auch dass Texte Menschen ausschließen können, stimmt. Nicht umsonst wurde Einfache Sprache erfunden. Aber Sprache ist nicht alles. Ich persönliche sehe die Sache anders: Wer einen anspruchsvollen Text schreibt, geht davon aus, dass dort draußen Menschen sind, die seinen Gedanken folgen möchten. Er*sie lädt sie ein, den Weg der Geschichte gemeinsam zu gehen. Das ist in meinen Augen ein anderer Ansatz, als davon auszugehen, dass Menschen einer Geschichte nicht folgen können oder wollen. Kein Ausschluss, sondern eine Einladung.</p>



<p>Warum lohnt es sich – in meinen Augen – heute trotz allem noch, anspruchsvolle Texte zu lesen und zu schreiben? Darüber möchte ich hier mit euch sprechen.</p>



<p>Im Folgenden stelle ich vier verschiedene Arten von Anspruch in Texten vor, die ich mir überlegt habe. Obwohl ich früher Literaturwissenschaftlerin war, habe ich keine wissenschaftliche Literatur benutzt, sondern mir alles selbst aus den Fingern gesogen. Daher geben die Beiträge nur meine persönliche Einteilung und Meinung wieder.<br><br>Und zwar geht es um:</p>



<ul class="wp-block-list"><li>Komplexität (die Anzahl der wichtigen Dinge in einem Text. Fordert dazu auf, sie zu verknüpfen)</li><li>Originalität (die Abweichung vom Gewohnten. Fordert dazu auf, den Horizont zu erweitern)</li><li>Tiefgründigkeit (die Behandlung existenzieller und/oder unangenehmer Themen. Fordert dazu auf, sich mit ihnen auseinanderzusetzen)</li><li>Stil (Alles, was mit Sprache zu tun hat. Fordert dazu auf, genau zu lesen und sprachliche Rätsel zu lösen</li></ul>



<figure class="wp-block-image size-large"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="1024" height="1024" src="https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2022/08/ACS_0195-1-1024x1024.jpg" alt="" class="wp-image-3849" srcset="https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2022/08/ACS_0195-1-980x980.jpg 980w, https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2022/08/ACS_0195-1-480x480.jpg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) and (max-width: 980px) 980px, (min-width: 981px) 1024px, 100vw" /><figcaption><em>Meine Dornenritter – ein anspruchsvolles Buch?</em></figcaption></figure>



<h2 class="wp-block-heading">Komplexität</h2>



<p>Die Welt ist irre vollgestopft, findet ihr nicht? Wenn ich versuche, mich über ein einzelnes Thema zu informieren, blicke ich oft kaum durch. Und wenn ich mich intensiv mit einem Thema beschäftige, bekomme ich oft erst recht den Eindruck, dass ich gar nichts verstehe und überhaupt nichts weiß. Geschweige denn, dass ich begreifen könnte, wie all die Dinge in der Welt miteinander zusammenhängen. Manchmal verstehen wir ja nicht einmal die Menschen, die uns am nächsten stehen. Noch schlimmer: Niemand sagt uns, was richtig und falsch, was gut und böse ist – und falls doch, sollten wir erst recht aufmerksam sein, wem wir in so wichtigen Fragen unser Vertrauen schenken. Wir müssen selbst aufpassen, denken, urteilen.<br>Die Welt ist komplex. Das macht das Leben schwierig.</p>



<p>Die gute Nachricht: Kein Text kann diese Komplexität abbilden. Daher stellen Geschichten immer nur einen sehr kleinen Ausschnitt aus der Wirklichkeit dar (und das sage ich mit Absicht auch über Fantasy). Deshalb mögen wir Geschichten. Sie machen aus totalem Wirrwarr verdauliche Häppchen.</p>



<p>Geschichten, die nicht komplex sind, bieten uns eine überschaubare Welt. Gut und Böse sind darin klar, die Ereignisse gut verständlich, und meist wissen wir vorher, wie es ausgeht. Das ist völlig okay und auch sehr erholsam, denn in der Realität haben wir es ja schon schwer genug.</p>



<p>Komplexität in Geschichten ist für mich: Die Anzahl der Dinge/Informationen darin, die wichtig sind, um die Geschichte zu verstehen. Wie im realen Leben müssen wir in komplexen Geschichten diese Informationen sammeln und verknüpfen. Wir müssen selbst denken, selbst urteilen, unseren Grips einsetzen. Das macht das Lesen komplexer Geschichten anstregend. Wieso sollten wir es dann überhaupt tun?</p>



<p>Nehmen wir das Spiel Bloodborne: Darin wird eine Stadt nachts von Monstern überrannt. Aber wieso eigentlich? Wer sich diese Frage stellt und sich die Mühe macht, die Informationen, die uns das Spiel fast immer kommentarlos präsentiert, mit einander zu verknüpfen, für den öffnet sich eine zweite Ebene, so krass, dass es einem den Boden unter den Füßen wegzieht.<br>Geiler Scheiß.</p>



<p>Manche Texte verstehen wir besser (oder überhaupt erst), wenn wir andere Texte kennen. Der Fachausdruck dafür: Intertextualität. Zum Beispiel: Wer sich bei »Die Götter müssen sterben« von Nora Bendzko mit antiker Mythologie auskennt, kann die Abweichungen zu den Original-Sagen besser erkennen und hat damit meiner Meinung nach bersonders viel Spaß am Text. (Übrigens, auch bei »Dornenritter« können Mythologie-Freaks vermutlich die Auflösung eher vorausahnen.) Andere Texte verlangen dafür historische oder sonstige Fachkenntnisse von Lesenden.</p>



<p>Meiner Meinung nach entsteht Komplexität noch nicht, wenn einfach nur viel Zeug in einem langen Text steht. Und sie ist nur dann richtig am Platz, wenn wir als Lesende von der Geschichte dafür belohnt werden, dass wir unser Gehirn anstrengen. Mit mehr Erkenntnissen, mehr Durchblick, mehr Gefühlen, mehr Grusel, mehr Spaß. Komplexe Texte sind wie eine spielerische Übung für die noch unendlich viel komplexere Realität. Die besten sorgen dafür, dass wir uns nicht nur klüger fühlen, sondern wirklich klüger werden.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Originalität</h2>



<p>»So etwas gibt es auf dem deutschen Buchmarkt bisher nicht. Da gehen die Leser*innen nicht mehr mit.« Sätze wie diesen hörte ich damals regelmäßig von meiner Agentin. Manchmal bat sie mich auch, eine Geschichte zu entwerfen, die an einer anderen orientiert sei. Ich brauchte lange, um zu begreifen, dass eine Geschichte gemeint war, die mehr oder weniger exakt wie eine andere sein sollte.</p>



<p>Heute höre ich oft von angehenden Autor*innen, dass sie sich Sorgen machen: »Meine Ideen gibt es doch schon so oft!« Da kann ich euch beruhigen, Leute: Offenbar ist es tatsächlich auf dem deutschen Buchmarkt so: Je mehr etwas wie etwas ist, was alle schon kennen, desto besser. Abgesehen davon haben alle, die sich solche Sorgen machen, meist eher ein ähnliches Problem wie ich.</p>



<p>Originalität ist für mich: eine Abweichung vom Gewohnten. Aber warum ist Originalität in Texten so unbeliebt? Tatsächlich muss ich sagen: Ich verstehe es – im Gegensatz zu den anderen Kategorien von Anspruch, die ich gesetzt habe – nicht so recht. Wir bezahlen viel Geld, um in Urlaub zu fahren und Orte zu sehen, die wir noch nicht kennen, Dinge zu erleben, die uns zu Hause nicht möglich sind. Aber warum möchten dann viele Menschen, wenn sie ein Buch lesen, genau dieselben Orte, Charaktere und Handlungen erleben, denen sie schon oft begegnet ist? Weil wir nicht genug von dem bekommen können, was wir lieben? Sind wir so gestresst, dass es uns zu anstrengend ist, etwas Neues zu verarbeiten, und wir lieber bei dem bleiben, was wir kennen? Möchten wir, wenn wir an unseren Urlaubsorten sind, vielleicht doch eigentlich gar nichts von ihnen sehen, sondern lieber im Hotel am Pool sitzen und Bier trinken (Natürlich ist das völlig okay!)</p>



<p>Wenn ich an Originalität denke, fällt mir zuerst Dr. Who ein. Die Serie verblüfft (zumindest in einigen Folgen) mit ihren originellen Ideen, oft noch in verblüffender Kombination. In GB, heißt es, hätten die Menschen etwas übrig fürs »Skurrile« – ich denke, das ist ein weiterer Ausdruck für Originalität. Und ich muss an meinen verstorbenen besten Freund M. denken. Ihm konnte nichts originell genug sein. Meine dunklen Ritter mochte er nicht besonders, er fand sie 0815, schon wegen des mittelalterlichen Settings. Seine eigene Welt Esper kann man noch auf <a href="https://annor.de/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Annor.de</a> sehen. Sie erzählt von seiner Liebe zu originellen Settings, Dingen und Figuren. Wenn ich eine originele Idee brauchte, konnte ich mit ihm sprechen. Wenn ich mit M. auf Reisen oder nur in einem Museum war, kamen wir beide von dort mit 1000 Ideen wieder. Er fehlt mir. Die Welt braucht mehr Menschen wie ihn.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1022" height="1024" src="https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2022/08/ACS_0210-1022x1024.jpg" alt="" class="wp-image-3841" srcset="https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2022/08/ACS_0210-980x982.jpg 980w, https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2022/08/ACS_0210-480x481.jpg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) and (max-width: 980px) 980px, (min-width: 981px) 1022px, 100vw" /><figcaption><em>Ein Wasserfall in Island, den ich mit M. besichtigt habe. Er hat später seinen Weg in meinen Roman Dornenritter gefunden. </em></figcaption></figure>



<p>Eigentlich ist ja unsere Welt schon von sich aus sehr originell. Ich meine, habt ihr euch schon mal Wale genauer angesehen? Oder Elefanten? Würden wir solchen Wesen zum ersten Mal in einer Geschichte begegnen, hätten wir wohl Probleme, sie uns vorzustellen. Je genauer wir hinsehen, desto seltsamer ist eigentlich alles.</p>



<p>Aber zurück zu Büchern. Ich kann wenig gegen meine originellen Ideen tun. Aber ich versuche sie mit Dingen zu kombinieren, die schon bekannt sind. Manchmal kommt etwas dabei heraus, was die Menschen gern lesen. Ich hoffe, dass ich das auch in Zukunft schaffe.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Tiefgründigkeit</h2>



<p>Das Leben ist kein Ponyhof – schon mal gehört? Und so ist es leider. Überall begegnen uns schreckliche Dinge, Krankheit, Tod, gesellschaftliche und soziale Ungerechtigkeit, Unglücke, die Vergänglichkeit des Lebens usw. Wenn wir gerade nicht persönlich betroffen sind, dann diejenigen, die uns nahestehen. Und wenn selbst das nicht der Fall ist, können wir in den Nachrichten jeden Tag neue schreckliche Dinge verfolgen. Kein Wunder, dass wir – falls wir denn das Glück haben, diesem ewigen Kampf überhaupt kurz entkommen zu können – uns manchmal nur im Bett verkriechen und die Decke über den Kopf ziehen wollen – und vielleicht eine Wohlfühlgeschichte lesen. Und das ist sehr verständlich. Selbst ich brauche manchmal eine Dosis My Little Pony.</p>



<p>Wohlfühlgeschichte ist ein Begriff, der sich in der Buchwelt etabliert hat. Ich erlebe oft als wichtiges Kriterium bei einer Bewertung: »Ich habe mich mit der Geschichte die ganze Zeit wohl gefühlt«, »Das Buch war wie eine kuschlige Decke«, »Bei der Autorin fühle ich mich wohl.« Mir selbst wurde einmal empfohlen, mich als Autorin bei einem bekannten Heftromanverlag zu bewerben. Die Anforderungen an die Bücher war der Ausschluss sämtlicher »unangenehmer« Themen. Wohlfühlen pur!<br>Ich habe es gelassen.</p>



<p>Um es noch mal klarzustellen: Wohlfühlen mit Büchern ist toll. Aber es ist für mich nicht alles, und es sollte meiner Meinung nach nicht grundsätzlich passieren, indem schwierige Themen ausgeschlossen werden. Manche Autor* innen können sogar beides verbinden.<br>Und: Mit manchen Themen ist Wohlfühlen schwer. Aber auch sie brauchen Raum.</p>



<p>Tiefgründigkeit ist für mich: Die Bearbeitung unangenehmer oder schwieriger Themen.<br>Oft höre ich Stimmen, die sich wünschen, in Büchern würden aktuelle Probleme als überwunden oder gar nicht existent beschrieben. Die Argumente sind gut nachvollziehbar. Ich habe mich als Autorin entschieden, es nicht grundsätzlich so zu machen, auch aufgrund persönlicher Erfahrungen.</p>



<p>Bücher, die schwierige Themen ausschließen, erschaffen eine Wunschwelt. Eine Utopie hat auf jeden Fall ihre Daseinsberechtigung. Aber: Bücher, die sich gelungen mit schwierigen Themen beschäftigen, geben dafür Menschen die Möglichkeit, sich im Safe Space einer Geschichte mit diesen Themen auseinanderzusetzen, *ohne* selbst direkt betroffen zu sein. Denn Hand aufs Herz: Früher oder später holt uns der Ernst des Lebens alle ein.<br>Für Menschen, die betroffen sind, können diese Geschichten Trost spenden. Denn Probleme zu ignorieren, heißt auch, Menschen zu ignorieren, für die diese Probleme zum Leben gehören. Probleme zu respektieren, ihnen in Geschichten Raum zu geben, heißt, Menschen zu respetieren. Das ist für mich bei meiner eigenen Arbeit als Autorin ein sehr wichtiger Punkt.</p>



<p>Tiefgründige Bücher können uns ermutigen, nachzudenken, unseren Horizont zu erweitern, Probleme zu erkennen, unsere Haltung zu verändern, fürs Leben gewappnet zu sein, zumindest ein kleines bisschen. Sie können dazu beitragen, uns zum Teil einer Welt werden zu lassen, in der sich alle etwas mehr wohlfühlen. Das ist meiner Ansicht nach nicht möglich, wenn wir permanent die Augen vor Problemen verschließen und uns unter die Kuscheldecke schmiegen. Schwierige Themen zu bearbeiten ist vielleicht das Beste und Wichtigste, was Bücher überhaupt können. Solche Bücher verändern manchmal die Welt.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="1024" src="https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2022/08/ACS_0194-1024x1024.jpg" alt="" class="wp-image-3844" srcset="https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2022/08/ACS_0194-980x980.jpg 980w, https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2022/08/ACS_0194-480x480.jpg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) and (max-width: 980px) 980px, (min-width: 981px) 1024px, 100vw" /><figcaption><em>Ich liebe es, tiefgründige Themen in Büchern zu behandeln!</em></figcaption></figure>



<h2 class="wp-block-heading">Stil</h2>



<p>»Das Gedicht hat mir sehr gut gefallen, weil keine unbekannten Wörter drin vorkommen«, schrieb dereinst Amelie (Name geändert ;)), 7. Klasse, über Schillers Ballade »Der Handschuh«, als ich in ihrer Klasse das Thema Inhaltsangabe unterrichtete. Damit spricht Amelie sicher vielen aus der Seele. Und – irgendwie – auch mir.</p>



<p>Stil ist von allen Themen, die ich hier in Verbindung mit Anspruch bearbeite, vermutlich das unwichtigste. Es kommt auf die Story an, nicht auf den Stil, in der sie geschrieben wurde. Das fällt mir auch auf dem Buchmarkt immer wieder auf. Trotzdem kann ein gelungener Stil dazu beitragen, Atmosphäre aufzubauen und ganz in eine Geschichte einzutauchen. (Wer meine Stil-Tipps erfahren möchte, möge <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.kaja-evert.de/2021/06/20/worte-wie-sterne-am-nachthimmel-arten-von-stil/" data-type="URL" data-id="https://www.kaja-evert.de/2021/06/20/worte-wie-sterne-am-nachthimmel-arten-von-stil/" target="_blank">diesen Blogartikel</a> lesen.)</p>



<p>Dabei verwechseln viele Menschen gelungenen Stil mit Unverständlichkeit. Ich kann mir denken, wie das kommt: In der Schule lesen wir Texte, die z. T. mehrere Jahrhunderte alt sind. Diese Texte kommen uns fremd vor. Sie enthalten Wörter und Formulierungen, die wir heute nicht mehr benutzen, und oft verschachtelte Satzkonstruktionen (Grüße an Heinrich von Kleist). Es gibt trotzdem Gründe, diese Texte auch heute noch zu lesen, aber leicht verständlich sind sie nicht gerade. Und wenn wir an die Uni kommen, erwarten uns dort mehr schwer verständliche Texte voller Schachtelsätze und Fachbegriffe, die wir noch nie gehört haben. Das wäre ja alles noch nicht so schlimm, wenn wir nicht zugleich vermittelt bekämen, dass so <em>gute</em> Texte aussähen. Denn immerhin stammen diese Texte von wichtigen Menschen, behandeln wichtige Themen und genießen hohes Ansehen – oder?</p>



<p>Ob ihr es glaubt oder nicht: Selbst wissenschaftliche Texte möchten nicht unverständlich sein. Es ist nur oft so, dass Wissenschaftler*innen so in ihren Themen und im Uni-Jargon »drin« sind, dass sie sich nicht mehr gut in Menschen hineinversetzen können, die von einem Thema gar nichts verstehen.</p>



<p>Guter Stil ist in meinen Augen verständlicher Stil. Verständlich heißt nicht platt. Ein Text kann gut verständlich und trotzdem anspruchsvoll sein. Es gibt kaum Stilfiguren, die komplizierte Formulierungen brauchen.</p>



<p>Bei Romanen gibt es vor allem zwei Stil-»Sünden«, die mich auf die Palme bringen: 1. Wenn Autor_innen unnötig kompliziert und »schwülstig« schreiben, gerade wenn es um völlig alltägliche Dinge geht. 2. Wenn sich Autor_innen keine Mühe geben, die spektakulären Ereignisse in ihren Büchern mit angemessenen Worten zu würdigen.<br>Allerdings ist Stil auch eine subjektive Sache. Ich bekomme manchmal fast Schrei-Anfälle von Texten, die andere als poetisches, literarisches Meisterwerk feiern. Und wenn ich einschlafe, weil der Kampf gegen den mächtigsten Dämon von Finsterwelt in überaus lahmen Worten beschrieben wurde, fällt das anderen vielleicht gar nicht erst auf.</p>



<p>– Soweit von mir zum Thema Anspruch in Texten. Ich fände es schön, wenn mehr anspruchsvolle Texte veröffentlicht würden, natürlich nicht ganz ohne Eigeninteresse! Wie steht ihr dazu? Lest ihr gern anspruchsvolle Texte oder eher nicht? Welchen Punkten stimmt ihr zu, was seht ihr anders? Welche anspruchsvollen Bücher habt ihr in letzter Zeit gelesen? Schreibt es mir gern in die Kommentare. Und wenn euch der Blogartikel weitergeholfen hat, empfehlt ihn auch anderen!</p>



<p>Eure Kaja</p>



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		<title>Pfad durch den Nebel – Die Überarbeitung von »Nebelritter«</title>
		<link>https://www.kaja-evert.de/2021/03/20/pfad-durch-den-nebel-die-ueberarbeitung-von-nebelritter/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Kaja]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 20 Mar 2021 08:08:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemeines]]></category>
		<category><![CDATA[Dunkle Ritter]]></category>
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					<description><![CDATA[Traue keiner Rohfassung! Diese Weisheit hatte ich mir eingeprägt. Erst recht nicht, wenn du sie für besonders gelungen hältst. Die letzten beiden Male, als ich extrem stolz auf die Rohfassung von Romanen war, musste ich das Projekt ganz aufgeben (»Die Geister von San Turaco«) oder zur Hälfte neu konzipieren und zu mehr als einem Drittel [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Traue keiner Rohfassung! Diese Weisheit hatte ich mir eingeprägt. Erst recht nicht, wenn du sie für besonders gelungen hältst. Die letzten beiden Male, als ich extrem stolz auf die Rohfassung von Romanen war, musste ich das Projekt ganz aufgeben (»Die Geister von San Turaco«) oder zur Hälfte neu konzipieren und zu mehr als einem Drittel komplett neu schreiben (»Dornenritter«).</p>



<p>An meinem Dark-Fantasy-Roman »Nebelritter« hatte ich schon ein Jahr gearbeitet, als ich im Dezember 2020 mit der Überarbeitung anfing (Der Roman hatte mich also durch das erste Jahr der Pandemie gebracht). Und ich war sehr misstrauisch. Überall schienen mir schwere Plotprobleme zu lauern, und ich glaubte meiner Alphaleserin Natascha (-&gt; zu ihrem <a href="https://aufanderenseiten.blog/" data-type="URL" data-id="https://aufanderenseiten.blog/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Blog</a>) nicht, als sie meinte, es seien gar keine extrem dramatischen Fehler zu finden.</p>



<h2 class="wp-block-heading">20% Text für’n Eimer</h2>



<p>Erstaunlicherweise hatte sie recht. Trotzdem habe ich für die erste Überarbeitung von »Nebelritter« fast vier Monate gebraucht. Denn der Teufel steckte im Detail.</p>



<p>Ich habe extrem viel gekürzt – über 30.000 Wörter! Das waren fast 20% der Rohfassung von 155.000 Wörtern (aktuelle Wortzahl: 122.500 Wörter). Die Länge ist für einen Dark-Fantasy-Roman in meinen Augen nun optimal. Aber wie kamen all die überzähligen Wörter  zustande?</p>



<p>Die eine Hälfte davon war »Wortmüll«, um es drastisch zu sagen. Überflüssiger Text. Zu lange Beschreibungen, sinnlose Wiederholungen, Füllwörter usw. Ein weiterer Grund war aber auch, dass ich beim Schreiben dazu neige, viele »Fässer aufzumachen«, wie ich es nenne. Die Handlung wird durch viele Themen und Elemente überladen, dabei wären die häufig gar nicht nötig. Bei der Überarbeitung hat es mir geholfen, mir den Grobplot noch einmal genau vor Augen zu halten und alles zu tilgen, was nicht erforderlich war. Ein Beispiel: Eine der Hauptfiguren hat Probleme damit, anderen nahe zu sein. Dafür gab es verschiedene Gründe – und sie wurden alle in der Rohfassung ausgebreitet. Aber nur ein Grund ist für den Plot und die Figurenentwicklung wirklich wichtig. Beim Überarbeiten habe ich mich auf diesen einen wichtigen Punkt konzentriert und alle anderen Elemente gestrichen. Dadurch wurde die Geschichte nicht weniger komplex oder tiefgründig. Im Gegenteil, die wirklich wichtigen Elemente bekamen dadurch mehr Raum. <br>Übrigens: Wenn du mehr übers Kürzen wissen möchtest, lies meinen <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.kaja-evert.de/2021/02/14/wie-dein-text-knackig-wird-tipps-zum-kuerzen/" data-type="URL" data-id="https://www.kaja-evert.de/2021/02/14/wie-dein-text-knackig-wird-tipps-zum-kuerzen/" target="_blank">Blogartikel</a> dazu!</p>



<p>Die Plotelemente, bei denen ich anfangs schwere Probleme witterte, erwiesen sich dagegen als weniger problematisch. Beispielsweise wird einer meiner Protagonisten in die Handlung verwickelt, weil er seinen besten Freund sucht. Ich hatte Sorge, die Suche nach dem Freund würde durch die vielen anderen Ereignisse in den Hintergrund treten. Das war aber gar nicht so.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Struktur schaffen oder der Struktur folgen?</h2>



<p>Ihr werdet jetzt vermutlich sagen: Schön und gut, Kaja, aber wäre es nicht intelligenter gewesen, dir alles, was du mühsam überarbeiten musstest, vor dem Schreiben zu überlegen? Da kann ich nur antworten: Auf jeden Fall! Aber ganz so einfach ist es nicht.</p>



<p>Spätestens seit einer Fortbildung zur Schreibberaterin an der TU Darmstadt weiß ich: Es gibt verschiedene »Schreibtypen«. Grob kann man sie in zwei Arten unterteilen: Die einen machen einen Plan und halten sich beim Schreiben daran (strukturfolgende Schreibtypen, im Schreibjargon »Plotter« genannt), andere schreiben erstmal etwas und sehen dann, welche Struktur dabei herauskommt (strukturschaffende Schreibtypen, auch »Pantser« genannt). Offensichtlich gehöre ich eher zur zweiten Sorte. Ich plotte zwar immer vor dem Schreiben, aber grob. Details ergeben sich beim Arbeiten. Wenn ich detailliert plotte – ist ja nicht so, als hätte ich das noch nie probiert – passen meine vorigen Überlegungen oft nicht gut zur Geschichte, oder ich halte mich einfach nicht an den ursprünglichen Plan. Daher fürchte ich, dass ich immer mehr Zeit zum Überarbeiten und Schreiben brauchen werde als andere. Das macht mich häufig unzufrieden mit meiner Arbeitsweise.<br>Was ich trotzdem aus der Fortbildung mitgenommen habe: Strukturschaffende Schreibtypen sind nicht »schlechter« als ihre organisierteren Kolleg*innen. Sie haben zwar mit besonderen Problemen zu kämpfen, aber dafür sind sie z. B. auch flexibel beim Arbeiten und stets offen für neue Inspiration.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Fazit</h2>



<p>Bei »Nebelritter« müssen jetzt noch Rückmeldungen vom Betalesen eingebaut werden und eine abschließende Stilkorrektur steht auch noch aus (im Großen und Ganzen überarbeite ich aber immer alle Baustellen im Text parallel). Insgesamt gefällt mir der Roman jetzt richtig gut, auch wenn ich beim Schreiben und Überarbeiten viele Zweifel habe. »Nebelritter« ist, obwohl er zum Dark-Fantasy-Genre gehört und düstere und abgründige Themen behandelt, weniger »hart« als sein Romanbruder »Dornenritter«. Das liegt vor allem an einem der beiden Protagonisten, Lucien, dem Ritter mit der Sonnenseele.</p>



<p>Ich werde meine Nebelritter sehr vermissen und bin froh, dass immerhin schon mehrere neue Projekte in Planung sind. Eines davon hat gute Aussichten, mein nächster Roman zu werden. Und bei ihm werde ich es noch einmal mit detaillierterem Plotten versuchen. Ich bin neugierig, ob ich dadurch mein Schreibtempo doch etwas steigern kann.</p>



<p>Und natürlich bin ich auch gespannt, welches weitere Schicksal »Nebelritter« erwartet. Ich werde diesen Roman auf alle Fälle veröffentlichen, aber ob im Verlag oder im Selfpublishing, wird sich zeigen.</p>



<p>Was sind deine Erfahrungen beim Überarbeiten?</p>



<p>Deine Kaja</p>



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		<title>Wie dein Text knackig wird &#8211; Tipps zum Kürzen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kaja]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 14 Feb 2021 06:47:24 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Erschrocken starrte ich auf die Gesamtwortzahl meines Manuskripts. 155.000 Wörter. Ernsthaft? So lang? Ich wusste ja, dass mein Dark-Fantasy-Roman »Nebelritter« ein dicker Schinken werden würde. Aber das hier bedeutete definitiv: Ich würde wohl kürzen müssen. Warum überhaupt kürzen? Es ist aber doch deine Geschichte, mögt ihr sagen. Kann sie nicht so lang sein, wie du [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>Erschrocken starrte ich auf die Gesamtwortzahl meines Manuskripts. 155.000 Wörter. Ernsthaft? So lang? Ich wusste ja, dass mein Dark-Fantasy-Roman »Nebelritter« ein dicker Schinken werden würde. Aber das hier bedeutete definitiv: Ich würde wohl kürzen müssen.</em></p>



<h2 class="wp-block-heading">Warum überhaupt kürzen?</h2>



<p>Es ist aber doch deine Geschichte, mögt ihr sagen. Kann sie nicht so lang sein, wie du möchtest? Ja, natürlich. Und: nein, eher nicht.<br>Würde ich meine Geschichten nicht schreiben, damit sie von anderen Menschen gelesen werden, wäre die Länge wirklich egal. Aber wenn man veröffentlichen möchte, sprechen bei sehr langen Geschichten in meinen Augen mehrere Dinge fürs Kürzen:</p>



<ul class="wp-block-list"><li>Der finanzielle Aspekt. Dicke Bücher haben mehr Seiten und kosten daher mehr, sowohl beim Druck als auch beim Verkauf. Leser*innen trennen sich aber verständlicherweise ungern von ihrem Geld, vor allem, wenn sie für den Preis vielleicht zwei andere Bücher bekommen. Ebooks können zwar beliebig wenig kosten, aber auch hier wird für umfangreichere Ebooks (zurecht) meist auch mehr Geld verlangt. </li><li>Die Zeit der Leser*innen: Viele Menschen lesen lieber kurze Bücher, weil sie wenig Zeit haben oder in der Zeit, die sie haben, einfach mehr Bücher lesen können. Woher sollen die Leser*innen wissen, dass mein Buch es wert ist, viel Zeit zu investieren? Sie möchten vielleicht erst einmal kürzeren Texten eine Chance geben.</li><li>Natürlich haben auch lange Geschichten ihre Berechtigung. Ich persönlich liebe sie besonders. Aber es gibt so viele Bücher. Warum sollten sich Menschen ausgerechnet dafür entscheiden, meins zu lesen? Die Antwort muss wohl sein: Weil es sich lohnt. Aber es lohnt sich nicht, wenn die Geschichte langatmig und voll von überflüssigem Geschwurbel ist.</li></ul>



<div class="wp-block-image is-style-default"><figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="607" src="https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2021/02/crumpled-paper-1852978_1280-1024x607.jpg" alt="Zerknülltes Papier und Stift (Symbolbild)" class="wp-image-2705" srcset="https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2021/02/crumpled-paper-1852978_1280-1024x607.jpg 1024w, https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2021/02/crumpled-paper-1852978_1280-300x178.jpg 300w, https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2021/02/crumpled-paper-1852978_1280-768x455.jpg 768w, https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2021/02/crumpled-paper-1852978_1280-650x385.jpg 650w, https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2021/02/crumpled-paper-1852978_1280.jpg 1280w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption>Überflüssig? Weg mit dem Zeug!</figcaption></figure></div>



<h2 class="wp-block-heading">Vor dem Kürzen</h2>



<p>Ich bin der Ansicht, eine gute Geschichte lässt sich immer auch in akzeptablem Umfang erzählen (bei mehrbändigen Geschichten gilt das pro Band). Wieso also habe ich etwas so Langes geschrieben? Andere Autor*innen schreiben ihre Rohfassung so knapp, dass sie später noch Inhalte ergänzen müssen und ihrer Geschichte quasi Fleisch auf die Knochen bringen. Was mache ich also anders?<br>Erstmal liebe ich lange, epische Geschichten und will sie daher auch selbst schreiben. Das ist okay. Ein anderer Punkt ist, dass ich eine sogenannte »Plantserin« bin: Ich plane meinen Plot, aber nicht bis ins letzte Detail, und ein Teil der Geschichte entwickelt sich immer beim Schreiben. Daher gibt es meistens einige überflüssige Aspekte und tote Enden im Text. Auch habe ich meist alles aufgeschrieben, was ich gerade interessant fand, ohne zu prüfen, ob es wirklich zentral für die Geschichte ist ist. Vor dem Kürzen halte ich mir daher den grundlegenden Plot noch einmal vor Augen. Er ist sozusagen mein Leuchtturm bei der Überarbeitung.<br>Außerdem schreibe ich viele Anmerkungen in den Text, die beim Überarbeiten herausfallen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Inhaltlich kürzen</h2>



<p>Wie gesagt ist der grundlegende Plot für mich die wichtigste Stütze beim Kürzen. Ich nehme mir jede Szene vor und prüfe sie vor allem auf zwei Elemente: 1. Die Funktion der Szene für den Gesamtplot, 2. den zentralen Konflikt der Szene (ja, ich gehöre zu den Autor*innen, die Szenen auf der Grundlage von Konflikten schreiben).<br>Beim Kürzen nehme ich dann alles heraus, was nicht zum Plot oder zum Konflikt der Szene beiträgt:</p>



<ul class="wp-block-list"><li><strong>Nebenhandlungen</strong> und <strong>Nebenaspekte</strong>, die sich im Nachhinein als verzichtbar herausstellen (Kann ich die Krankheit meines Protas streichen, ohne dass der Plot leidet? Ja! Ist die verflossene Liebschaft des Anführers der Ritter des Lichts wirklich so wichtig für seine Charakterisierung? Nö, sein Charakter wird durch andere Elemente klar genug. Soll ich beibehalten, dass zu Anfang die Fiedel meines Protas in den Fluss fällt? Ja, weil die Fiedel später noch als Symbol wichtig wird. usw.)</li><li><strong>Inhaltswiederholungen</strong>. Die sind leider oft schwer zu finden. Ich versuche möglichst bei jedem Satz zu prüfen: Bringt der etwas Neues oder war genau das schon mal dran? Natürlich sind manchmal inhaltliche Wiederholungen auch wichtig, damit die Leser*innen nicht vergessen, was noch mal Sache war.</li><li><strong>Beschreibungen</strong>, wenn sie länger als wenige Sätze sind. Natürlich sind sie bedeutsam für die Atmosphäre einer Geschichte. Beim Kürzen versuche ich, 2 &#8211; 3 besonders wichtige Elemente aus der Gesamtbeschreibung herauszuziehen und aus ihnen eine neue Beschreibung zu machen – meist wesentlich kürzer als die alte und trotzdem so, dass nichts Bedeutendes verloren geht.</li></ul>



<p>Neben diesem Ansatz verfolge ich noch einen zweiten: Kein Satz, möglichst kein Wort im Text soll überflüssig sein. Natürlich bin ich weit davon entfernt, das jemals zu erreichen! Aber was ist dann eigentlich nicht überflüssig? Kann man nicht einfach gleich auf den ganzen Roman verzichten? 😉<br>Überflüssig ist für mich Text dann nicht, wenn er a) für den Plot und/oder b) für die Charakterisierung von Figuren und/oder c) für die Atmosphäre der Geschichte wichtig ist. Dabei halte ich den Plot für wichtiger als die Charakterisierung und die für wichtiger als die Atmosphäre. Ich sehe mir also an, ob das Textstück, das ich streichen möchte, für einen der drei Aspekte relevant ist. Wenn ja, darf es bleiben.<br>Inhaltliche Kürzungen fallen bei mir oft umfangreich aus. Ganze Szenen und Kapitel sind schon rausgeflogen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Kill your darlings?</h2>



<div class="wp-block-image is-style-default"><figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="682" src="https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2021/02/angel-1026438_1280-1024x682.jpg" alt="gebrochener Engelsflügel und Grabstein (Symbolbild)" class="wp-image-2701" srcset="https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2021/02/angel-1026438_1280-1024x682.jpg 1024w, https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2021/02/angel-1026438_1280-300x200.jpg 300w, https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2021/02/angel-1026438_1280-768x512.jpg 768w, https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2021/02/angel-1026438_1280-650x433.jpg 650w, https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2021/02/angel-1026438_1280.jpg 1280w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption>Sollen deine Lieblinge wirklich sterben?!</figcaption></figure></div>



<p>Wer schon einmal auf diesen verbreiteten Schreibtipp gestoßen ist, hat sich vielleicht gefragt: Was soll das denn? Warum soll ich ausgerechnet das in meinem Text streichen, was mir am besten gefällt? Das ist natürlich nicht gemeint, sondern: Es gibt häufig Szenen, Ideen, Figuren, Formulierungen, die einem selbst vielleicht gefallen, aber für den Plot oder andere Aspekte des Romans irrelevant sind. Manchmal stammen sie noch aus dem Anfang des Schreibprozesses, aber der Roman hat sich inzwischen in eine andere Richtung entwickelt. Sie zu streichen, kann den Text straffen und ist daher empfehlenswert. Und nichts ist jemals umsonst geschrieben: Ich bewahre solche gestrichenen »Perlen« in einer Extra-Datei auf, die ich »Ausschuss« nenne. Vielleicht kann ich sie später in einem anderen Kontext oder in einer anderen Geschichte noch einmal verwenden.<br>Epische Erzählweise hat ihre Berechtigung, und meine Romane z. B. bleiben episch, selbst wenn meine Lieblinge manchmal sterben müssen. 😉 Was gestrichen werden kann, ohne dass jemand es vermisst, ist wohl wirklich überflüssig.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Stilistisch kürzen</h2>



<p>Hier empfehle ich das folgende Buch: Stein, Sol: Über das Schreiben, Berlin (2)2015. Es enthält ein wunderbares Kapitel über stilistisches Kürzen, das hilft, jedes überflüssige Wort aufzuspüren.<br>Als da z. B. wären:</p>



<ul class="wp-block-list"><li>Nichtssagende, ausgelutschte Adjektive, Adverbien und sonstige Formulierungen. Adjektive sind nicht generell überflüssig, wie ein Schreib-Trend vor einigen Jahren verkündete, aber manche haben so gut wie keine inhaltlichen Mehrwert.<ul><li><em>Sie betrat die große Säulenhalle. </em>(Säulenhallen sind selten klein, und gibt es vielleicht ein Adjektiv, das den Ort besser beschreibt?)</li><li><em>Mit seinem Finger blätterte er eine Seite des Buches um. </em>(Wie denn sonst, mit der Nase? Außerdem befinden sich Seiten meistens in Büchern; wenn man weiß, dass er ein Buch hat, kann man auch das weglassen.)</li><li><em>Das Ungeheuer bleckte die rasiermesserscharfen Zähne.</em> (Schon mal eine Rasur mit diesen Zähnen versucht? Außerdem ist diese Formulierung sehr ausgelutscht. Weg damit.)</li><li>usw.</li></ul></li><li>Füllwörter. Das Schreibprogramm Papyrus Autor hat eine Stilkorrektur-Funktion, die Füllwörter aufspürt. Sehr praktisch! Sie zeigt aber auch, dass längst nicht jedes Füllwort überflüssig ist.Trotzdem bin ich immer wieder erstaunt, wieviel »Wortmüll« auch nach dem Aufräumen oft noch in meinem Text ist.</li></ul>



<h2 class="wp-block-heading">Kürzere Texte = weniger komplexe Texte?</h2>



<div class="wp-block-image is-style-default"><figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="768" src="https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2021/02/ACS_0370-1024x768.jpg" alt="&quot;Blutende&quot; Geschichte (Symbolbild)" class="wp-image-2682" srcset="https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2021/02/ACS_0370-1024x768.jpg 1024w, https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2021/02/ACS_0370-300x225.jpg 300w, https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2021/02/ACS_0370-768x576.jpg 768w, https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2021/02/ACS_0370-1536x1152.jpg 1536w, https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2021/02/ACS_0370-2048x1536.jpg 2048w, https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2021/02/ACS_0370-650x488.jpg 650w, https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2021/02/ACS_0370-261x196.jpg 261w, https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2021/02/ACS_0370-540x406.jpg 540w, https://www.kaja-evert.de/wp-content/uploads/2021/02/ACS_0370-1320x990.jpg 1320w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption>»Blutet« eine Geschichte beim Kürzen?</figcaption></figure></div>



<p>Vielleicht fragt ihr: Aber wenn du deinen Text kürzt, gehen dann nicht die ganzen schönen Details verloren? Wird der Text nicht platt und eindimensional? Ist der Text nicht vielfältiger, wenn er länger ist, und dadurch auch anspruchsvoller und besser? »Blutet« er nicht?<br>Nein.<br>Bücher bilden nicht die Realität ab (und die ist wahrhaftig unüberschaubar komplex), sie reduzieren. Das ist auch gut und richtig so. Komplexität und Anspruch liegen im Inhalt, nicht in der Länge eines Romans. Zu kürzen bedeutet nicht, die Komplexität und den Anspruch zu reduzieren, sondern im Gegenteil, die Aspekte, die den Roman komplex und anspruchsvoll machen, deutlicher herauszuarbeiten, damit sie nicht im Gelaber ringsum untergehen. Wenn der Plot komplex ist, bleibt der Roman es auch nach dem Kürzen. Außerdem sind komplexere und anspruchsvollere Texte oft auch beim Lesen schwerer zugänglich. Deshalb halte ich es für besonders wichtig, dass sie die Leser*innen nicht verwirren, indem sie jede Menge überflüssige Elemente enthalten. Ich möchte, dass meine Romane angenehm zu lesen sind, selbst wenn es darin vielleicht inhaltlich manchmal ans Eingemachte geht. Ist der Text gekürzt, ist er straffer, knackiger, aber auch: besser strukturiert, übersichtlicher, mit dynamischeren Szenen und Konflikten, die stärker auf den Punkt gebracht sind. Es ist ein Text, der beim Lesen mehr Spaß macht.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Textbeispiel</h2>



<p>[su_expand more_text=&#8220;- Mehr anzeigen -&#8220; less_text=&#8220;- Weniger anzeigen -&#8220; height=&#8220;0&#8243; hide_less=&#8220;no&#8220; text_color=&#8220;#default&#8220; link_color=&#8220;#default&#8220; link_style=&#8220;default&#8220; link_align=&#8220;left&#8220; more_icon=&#8220;&#8220; less_icon=&#8220;&#8220; class=&#8220;&#8220;]</p>



<p>Der folgende Text stammt aus meinem Dark-Fantasy-Roman »Nebelritter«. Die Passage ist sicher generell nicht meine beste, denn sie dient vor allem der Überleitung zwischen zwei Szenen und der Übermittlung von Informationen (das muss auch mal sein). Man sieht hier aber ganz gut, wo und wie ich gekürzt habe:</p>



<p>Alter Text:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Selbst der Sommerhimmel über der Heiligen Stadt war trüb. Ein ferner, klebriger Nebel hing über dem Großen Dom, trotzdem brütete die Luft Schwüle. Tibault schwitzte unter seiner Rüstung, während er Vater Benoît durch die mit Girlanden und Fähnchen geschmückten Straßen folgte. (Anmerkung: Hier ist Gelegenheit, die neue Rüstung der Schattenlöwen ggf. genauer zu beschreiben.)<br>Es war lange her, dass Benoît ihn aus der Grube aufgelesen hatte. Seitdem hatte er sich jeden Tag unter den wachsamen Augen des Priesters im Kampf geübt; zuerst mit Holzstöcken, dann mit scharfen Klingen. Unzählige Male war er vor Erschöpfung zusammengebrochen oder hatte sich übergeben, bis sein Körper schließlich selbst zur Klinge wurde. Unnachgiebig, erbarmungslos.<br>Inzwischen verstand er sich darauf, zwei der leicht gebogenen Schwerter zugleich zu führen, mit denen die Schattenlöwen ausgestattet waren. Er war ein vollwertiges Mitglied des Ordens, kein wehrloses Kind mehr. Dennoch erfüllte ihn der Anblick des Doms mit hilfloser Ehrfurcht wie beim ersten Mal, als er die Brücke überquert hatte. Er war froh, dass sich wie damals Vater Benoît an seiner Seite befand.<br>Heute war der Tag der Wunder, eins der höchsten Feste der Kirche in der Heiligen Stadt. Der Dombezirk wurde für alle geöffnet. An diesem Tag trat der Erzbischof persönlich vor das Volk und wirkte seinen Segen. Tibault hatte gehört, er könne Wunden und Krankheiten heilen, ja sogar Tote wieder zum Leben erwecken. Gesehen hatte er es noch nicht. Als Fetzenseele blieb ihm der Zugang zum Großen Dom gewöhnlich verwehrt, zumindest solange dort Gottesdienste und andere Feierlichkeiten stattfanden. Nur nachts durfte er dort hin und wieder die Beichte ablegen. Doch nicht der Gedanke an ein bevorstehendes Wunder ließ Tibaults Herz schmerzhaft heftig klopfen. Heute war der Tag, an dem er sich beweisen durfte – beweisen musste. Der einzige Tag, der ihm blieb, um Vater Benoît – um der Welt zu zeigen, dass er, die Fetzenseele, das Recht hatte, unter all den anderen vollständigen Seelen überhaupt zu existieren.</p><cite><em>Nebelritter, Rohfassung</em></cite></blockquote>



<p>Was für ein Geschwafel!<br>Die Leser*<em>i</em>nnen sollen in dieser Szene vor allem folgende Informationen erhalten: a) Seitdem sie meinem Protagonisten Tibault zum letzten Mal begegnet sind, ist einige Zeit vergangen: Inzwischen ist er ein Ritter geworden. b) Heute ist ein Feiertag, an dem der Erzbischof Kranke heilt. c) Außerdem ist der Tag für Tibault wichtig, weil er sich beweisen muss. </p>



<p>Beim Kürzen habe ich alle irrelevanten Aspekte einfach herausgenommen, vor allem aber die Rückblende, die ohnehin nur Behauptungen aufstellt, anstatt wirklich etwas zu »zeigen«. Dass Tibault Rüstung und Schwerter trägt, sagt genug über seinen Status aus. Die Leser*innen werden ihn später noch beim Kämpfen erleben. Unwichtig ist auch, wer den Dom betreten darf oder wann Tibault schon dort war.</p>



<p>Neuer Text:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Der Sommerhimmel der Heiligen Stadt war trüb. Ein ferner, klebriger Nebel hing über dem Großen Dom, die Luft brütete Schwüle. Tibault schwitzte unter seiner Rüstung und dem dunkelgrauen Umhang mit Kapuze, während er Vater Benoît durch die mit Girlanden und Fähnchen geschmückten Straßen folgte. Die Menschen, an denen er sich vorbeidrängte, blickten mit Misstrauen und Angst auf die beiden Schwerter, die er am Gürtel trug.<br>Heute war der Tag der Wunder, das höchste Fest in der Heiligen Stadt. An diesem Tag trat der Erzbischof persönlich vor das Volk. Tibault hatte gehört, er könne Verletzungen und Krankheiten heilen, ja sogar Tote wieder zum Leben erwecken. Doch nicht der Gedanke an ein bevorstehendes Wunder ließ sein Herz schneller klopfen. Heute musste er sich als Krieger der Schattenlöwen vor dem Erzbischof beweisen. Er musste Vater Benoît und der Welt zeigen, dass er, die Fetzenseele, das Recht hatte, unter all den vollständigen Seelen überhaupt zu existieren.</p><cite><em>Nebelritter, überarbeitete Rohfassung</em></cite></blockquote>



<p>[/su_expand]</p>



<p>Wie stehst du zu dem Thema? Wann ist ein Roman für dich zu lang? Wann zu kurz? Und hast du einen tollen Tipp fürs Kürzen?</p>



<p>Deine Kaja</p>



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